Iron Fist Corporation
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Ein männlich' Unternehmen
Ein männlich' Unternehmen

(für alle, die das schon kennen
oder es nicht lesen wollen)

 

Ich hatte die letzten 12 Monate in Angst gelebt. Es war ein Höllenjahr gewesen, ich hatte nur schwer arbeiten können, und meine Finanzen, die ich sonst so umsichtig geplant hatte, wurden in dieser Zeit stark angezehrt. Doch als nach einem Jahr immer noch niemand an meine Tür geklopft hatte ging ich davon aus, dass es auch nicht mehr passieren würde. Ich hatte jemanden getötet und war damit davongekommen. Dachte ich zumindest.

Ich war soeben auf dem Weg nach Hause als mein Handy klingelte. “Sean Broker, ich höre?” antwortete ich wie immer. Zuerst war da gar nichts. Dann hörte ich ein leises Rascheln, und dann meldete sich eine männliche Stimme. “Hallo, Mr Broker.” Ich blieb unwillkürlich stehen. Ich kannte die Stimme nicht, dennoch flößte mir ihr kehliger Klang Angst ein. “Wer ist da?” fragte ich, und versuchte, hart zu klingen. “Ein Geschäftsmann, wie sie. Bitte seien sie so gut und treffen mich heute Abend um halb neun an der Turmuhr im Park. Ich brauche etwas Geld und würde es mir nur ungern von einer Zeitung holen. Dafür müsste ich denen nämlich von ihrem… Unfall letztes Jahr erzählen. Und das wollen wir doch sicher beide nicht, oder?” Es klickte, und der Wählton, der mich fast taub machte, ertönte. Ich starrte mein Handy an, als hätte es mir soeben eine Liebeserklärung gemacht. Seltsamerweise nahm ich das ganze kühler, als ich erwartet hatte. Ich wog die Chancen ab. Ich hatte ein Sparbuch mit etwa 35000. Das war die Anzahlung für die Wohnung, aber die konnte warten. Im Knast nützte mir eine Wohnung auch nicht mehr viel. Ich änderte meine Richtung und bog in eine Querstraße, in der sich meine Bank befand.

Der Abend war schwül, ein leichter Nieselregen hatte eingesetzt. Die beiden Männer standen ans Auto gelehnt und rauchten im Sekundentakt. Der eine warf seinen Kippenstummel weg und klappte seinen Kragen hoch. Beide schwiegen. Plötzlich wurde die ganze Szenerie von grellen Autoscheinwerfern erleuchtet. Das Auto, zu dem sie gehörten, war in die Straße eingebogen, in der die beiden Männer standen. Der eine verdrückte sich unauffällig in einen Hauseingang Der andere, kleinere Mann blieb stehen und trat seine Zigarette aus. Während das Auto näher kam und den kleinen Mann und seinen Wagen, der quer über der Straße stand, voll erleuchtete, warf es tiefe Schatten zu beiden Seiten der Straße und ermöglichte dem anderen, sich an den Wänden entlang an dem herankommenden Auto vorbei zu schleichen. Der Wagen hielt, da er die Blockade offensichtlich bemerkt hatte. Die Tür ging auf, und ein Berg von einem Mensch stieg aus. “David? Bist du das?” Er klang eher verärgert als verstört. Das war nicht gut. “Ja, ich bin es.” Der Mann sah genau hin, dann ließ er mit einer Geste der Resignation die eine Hand aufs Wagendach und die andere auf die Tür plumpsen. “Schön. Kannst du mir verraten, warum dein Wagen quer über der Straße steht?” Der kleine Mann spielte sich arrogant auf, ein Teil des Plans. “Tja, Simon, ich dachte, wir unterhalten uns ein wenig über das Geld, was ich noch von dir bekommen sollte. Der Mann, den der kleine Mann Simon gerufen hatte, entspannte sich sichtlich. “Ach so, deswegen. Und ich dachte, es wär was Ernstes und du bräuchtest Hilfe. Na wenn das so ist, dann steige ich jetzt wieder in meinen Wagen und suche im Fußraum eine Kassette von Deep Purple. Und wenn ich die gefunden habe, dann werde ich sie in meinen Kassettenrekorder stecken und den ersten paar Takten lauschen. Und sollte dein Wagen beim Erklingen des ersten Refrains nicht von der Straße geschleift sein, dann werde ich ihn frontal rammen, dich zu Brei schlagen und der Versicherung schildern, wie du mich mutwillig blockiert und vorher meine Scheinwerfer zertreten hast. Daher habe ich dich auch nicht gesehen. Ok?” Er wartete einen symbolischen Moment auf eine Antwort, dann machte er Anstalten, einzusteigen. “Nicht so hastig.” Simon wirbelte herum. Vor ihm stand der andere Mann und hielt ihm eine große, eindrucksvolle Pistole vor die Nase. “Wir wollen doch keine Hektik aufkommen lassen, oder?” Instinktiv hob Simon die Hände. David war nun auch hinzugetreten. “Soso, plötzlich nicht mehr am langen Hebel, Simon? Blödes Gefühl, nicht?” “Eins sag ich dir, David. Wenn du mir was antust, werden dich Leute finden und Dinge mit dir tun, die noch nicht mal dein Vater mit dir gemacht hat.” David zog ein Gesicht. “Oh. Wie unhöflich. Sean, würdest du bitte?” Der Kolben der Waffe traf Simon frontal auf die Nase, und er ging zu Boden, wobei er sich unterwegs den Kopf an der Trittkante seiner Autotür aufschlug. Er blieb liegen und rührte sich nicht. Einen Moment war es still. “Du hast ihn umgebracht.” bemerkte David. “Ach Quatsch, der ist bewusstlos.” Sean ging in die Knie und sah nach dem Verletzten. Er legte eine Hand auf dessen Hals, die Hand, die die Pistole hielt ruhte auf seinem Knie und zeigte auf Simon. Der Puls war stark und regelmäßig. “Er lebt, ist nur etwas angeschlagen. Der wird wieder.” sagte Sean und drehte den Kopf zu David um, der hinter ihm stand. In diesem Moment brüllte Simon auf und stürzte sich auf Sean. Seine Hände bekamen seinen Hals zu fassen, und er warf ihn um und landete auf ihm. Sie rollten ein wenig auf dem Asphalt hin und her, auf ein mal krachte es ohrenbetäubend. Das Gerangel hörte auf. Einen Moment lang war alles still. Jemand ächzte, und Sean rollte Simon von sich runter. “Jetzt hast du ihn umgebracht.” bemerkte David.

Meine Hand zitterte als ich den Ausstellungsschein über 33.425,21€ unterschrieb. Das waren meine gesamten Ersparnisse, minus der Miete und Lebenserhaltungskosten für 3 Monate. Die behielt ich. Ich händigte den Schein dem Angestellten aus, der einen kurzen Blick darauf warf. “Dürfte ich wohl bitte ihren Ausweis sehen, Sir?” fragte er. Ich legte meinen Ausweis auf den Tisch, und der Krawattenträger dampfte ab, wahrscheinlich zu seinem Vorgesetzten. Ich setzte mich auf den nächstbesten Stuhl und wartete.


Die Blutlache wurde immer größer. Schließlich mussten die beiden schon vor dem Blut zurückweichen, und das, obwohl sie kaum 5 Minuten dort standen. “Du kannst doch nicht einfach Simon abknallen. Er schuldet mir Geld! Und außerdem ist es falsch.” Sean schwieg betreten. “Wie bist du bloß auf so eine Idee gekommen?” “Es war keine Absicht. Es lag auf meinem Handgelenk und hätte es fast gebrochen. Ich musste meine Finger bewegen. Der Abzug war im Weg.” David starrte ihn an. “Warum hattest du überhaupt Kugeln in dem Scheiß-Ding? Hattest du vor, auf ihn zu schießen?” “Natürlich nicht.” “Warum also?” Wieder schwieg Sean.

Der junge Mann kam mit einem korpulenten Typen in Nadelstreifen wieder. “Guten Tag, Sir. Wie ich höre möchten sie eine größere Menge Geld abheben. Darf man fragen, worum es sich handelt? Wie üblich Erpressung?“ Erschrocken machte ich mich bereit, ihn umzuwerfen und zu flüchten, doch er lachte schallend und sprach weiter. “Kleiner Scherz am Rande. Bitte folgen sie mir.” Ich stand auf und folgte dem beleibten Mann in sein Büro, während der Jungspund wieder seinen Platz am Schalter einnahm. “Nun, wenn es um solche Mengen Geld geht vertreten wir eine sehr strenge Sicherheitspolitik.” begann der Mann. “Dazu gehört dieser Fragebogen, von denen die meisten Fragen freiwillig sind, sowie ein Alkoholtest und eine explizite Auszahlungsbescheinigung. Wenn sie diese unterschreiben wird unser hauseigener Notar zugegen sein, um als Zeuge zu fungieren. Ist das soweit in Ordnung?” Ich nickte. Warum auch nicht? Er sprang behände für sein Gewicht auf und tippte auf eine Taste am Interkom. Eine Sekretärin betrat das Zimmer durch eine Seitentür, die ins sandgestrahlte Glas eingelassen war und keine Klinke besaß, sodass ich sie gar nicht bemerkt hatte. Sie trug ein Silbertablett mit himmlisch duftendem Kaffee und zwei Krapfen. Sie hatte eine Mappe aus Klarsichtfolie unter dem Arm, die sie ihrem Chef reichte nachdem sie das Tablett abgestellt hatte. Dann deutete sie eine Verbeugung in meine Richtung an und ging, wie sie gekommen war. Ich sah ihr nach. Der Mann schüttete mir Kaffee ein.

“Und was machen wir jetzt?” David schien hysterisch zu werden. “Ich hab doch auch keine Ahnung. ICH WEIß ES NICHT!” schrie Sean und brach in Tränen aus. Er hämmerte mit der flachen Hand ein paar Mal auf das Dach von Simons Auto und weinte bitterlich. David stand nur da und kratzte sich am Kopf. “Scheiße.” flüsterte er. “Wir sitzen in der Tinte.”

Ich hatte meine dritte Tasse Kaffee leer, und die Ruhe, über die ich mich eben gewundert hatte, war verflogen. Meine Hände zitterten, und ich malte mir allerlei Katastrophenszenarios aus. SWAT-Hubschrauber, die auf den Park herniederregneten, Simon, der als Zombie seinen Tribut forderte, und viele andere Dinge, eins abwegiger als das andere. Der Bankmanager plauderte fröhlich über Spekulationen in Taiwan. Ich schüttete mir noch Kaffee ein, ohne zu fragen.

Nur mit Mühe konnte David Seans Finger von dem Dachgepäckträger lösen, an dem er sich festkrallte und spasmodisch zuckende Heulkrämpfe bekam. Er bugsierte ihn ins Auto und wollte die Tür zuschlagen, doch Sean hatte noch ein Bein außerhalb des Wagens. Die Tür hämmerte mit voller Wucht gegen Seans Schienenbein und brach es fast, prellte es jedoch trotzdem stark. Sean zuckte noch nicht einmal zusammen. David hob den Fuß seines Freundes ins Auto und schloss die Tür, ging um den Wagen herum und stieg ein. Er ließ den Motor an. Nach kurzem Überlegen schaltete er das Radio an und suchte einen Sender mit flottem Jazz. Dann fuhr er aus der Straße heraus und pendelte sich ein den Abendverkehr ein.

Das Geld wurde soeben geprüft, gezählt und verpackt. Mein Bein zitterte unablässig und zog mehr und mehr den Verdacht des Bankmanagers und seines Notars, der zwischenzeitlich dazugekommen war, auf sich. Oder, eher gesagt, auf mich, was aber nicht minder schlimm war. Ich überschlug die Beine und nahm mir einen Krapfen. Zählt doch schneller! Dachte ich, lächelte, und biss angeekelt in das fett-triefende Gebäck.

Die ersten Tropfen hämmerten gegen die Windschutzscheibe. David trommelte laut pfeifend auf dem Lenkrad herum, seine Augen weit aufgerissen und schreckhaft in alle Richtungen zuckend. Der Regen wurde heftiger, und David schaltete den Scheibenwischer ein. Sean übergab sich in den Fußraum und schlug dabei mit dem Kopf gegen das Handschuhfach. Er brauchte volle 5 Minuten, und am Ende war er so erschöpft von den Magenkrämpfen, dass er in seinen Sitz zurückfiel und einschlief. Er hatte den Kopf im Nacken und gab bedenkliche Gurgel-Laute von sich, sodass David Sorge hatte, dass er an seinem eigenen Speichel ersticken würde. Er lehnte seinen Kopf zur Seite, sodass er auf seine rechte Schulter sabberte. Als er wieder nach vorn sah wäre er fast auf einen ukrainischen Schweinetransporter aufgefahren. Er nahm den Fuß vom Gas und sah die riesigen Reifen Zentimeter von seiner Stoßstange entfernt flirren. Er ließ noch etwas mehr Gas ab und fiel langsam zurück. Er atmete schwer, und das Adrenalin trieb ihn den kalten Schweiß aus den Poren. Er zwang sich, seinen Herzschlag zu beruhigen, und atmete gleichmäßig. Nur noch nach Hause. Er wollte nur noch nach Hause.

Ein Angestellter zählte mir die Scheine vor der Nase ab, während alle anderen Anwesenden genau aufpassten, dass ich auch genau zusah und nicht später einen Betrug behauptete. Als er fertig war packte er alles in einen kleinen Koffer auf Aluminium, verschloss ihn und reichte mir den Schlüssel und ein kleines Klebepad. “Sie können sich ihn hinkleben, wo sie wollen. Sollte der Koffer gestohlen werden, er ist mit einem Peilgerät versehen, und bevor die Diebe das Schloss öffnen können haben wir ihn wieder. Sind sie sicher, dass sie keine…” Ich winkte ab. “Nein danke, ich brauche keinen Geleitschutz. Es geht auch so. Vielen Dank noch mal für alles, und für den Kaffee, der war wirklich…” Der Manager zog ein Gesicht. Ich hatte seine komplette Kanne Kaffe in 35 Minuten geleert, und es war offenbar teurer Kaffee gewesen sein, bei dem Gesicht, das er zog. War aber auch verdammt guter Kaffe gewesen. Ich nahm den Koffer, der erstaunlich schwer war, und ging zur Tür, wo ich nach einer Klinke suchte. Ich stand etwas ratlos herum, als sich plötzlich ein Stück Glas aus der Wand löste und seitwärts hinter die benachbarte Fläche schob, und somit einen Eingang schuf. Ich ging verwundert hindurch und drehte mich um. Das Glasstück glitt lautlos hinter der Wand hervor und passte sich nahtlos wieder in die Wand ein. Ich trat hinaus in die warme Nachmittagssonne.

Einige Passanten blieben stehen, um zu beobachten, wie David Sean aus dem Auto und die Treppe bis zu Seans Haustür hochschleifte. Dann suchte er nach seinen Schlüsseln, fand sie aber nirgends. Er rannte zurück zum Auto, das laut summend, da die Fahrertür noch auf und das Licht noch an war, am Straßenrand, sehr schräg eingeparkt. David wühlte sich durch seine Schafsfellbezüge und fand etwas Klimperndes. Schlüssel. Er ging zurück zur Tür und öffnete sie. Dann schleifte er Sean hinein und legte ihn aufs Sofa. Ihn bis in Schlafzimmer hochzubringen war ihm zuviel. Er zog ihm die Schuhe, Socken, und die Krawatte aus und lockerte seinen Hemdkragen. Dann nahm er eine pervers große Agave aus ihrem Außentopf und stellte sie ohne wieder auf die Fensterbank, den Topf stellte er Sean vor die Nase. Dann ging er, schloss die Tür ab, und warf den Schlüssel durch den Briefkastenschlitz. Er landete laut klirrend auf den Dielen, doch niemand hörte ihn.

Ich hatte mir eine Sonnenbrille, eine Dose Pfefferspray und eine Zeitung gekauft und saß nun im Park, wo wir uns treffen sollten. Ich las zwar, doch die Buchstaben verschwammen vor meinen Augen und ergaben keine sinnvollen Zusammenhänge mehr. Ich legte sie weg. Die Vögel flogen zwitschernd hierhin und dorthin, bauten emsig an ihren Nestern, und trugen rabiate Revierkämpfe aus. Ich sah ihnen eine Weile zu und konnte dank des entspannenden Schauspiel meine geladene Haltung, die ich seit dem Telefongespräch mit dem Erpresser angenommen hatte, etwas entspannen.

Als Sean ein paar Tage später wieder klar denken konnte sah er zuerst fern. Er traute sich noch nicht wieder auf die Straße. Fieberhaft durchforstete er die Nachrichten nach einer Information über das Geschehene, doch nichts wurde erwähnt. Doch, da! Auf N24 wurde in den kleinen Zeilen unten im Bild von einem Mord gesprochen. +++Mann in seiner Einfahrt erschossen. Polizei ermittelt+++ Sprachlos ließ er den Kiefer hängen. Und er hatte sich Spürhunde und Lynchmobs vorgestellt, die David und ihn mit Fackeln und Mistgabeln quer durch die Stadt jagten und dann räderten. Er seufzte erleichtert. Vielleicht würden sie ihn nicht kriegen.

Ich musste bei dem Gedanken unwillkürlich lachen. Es war ein verächtliches Schnauben über meine Naivität. Wie hatte ich nur jemals so töricht sein können zu glauben, ich könnte damit davonkommen. Es würde ja so oder so rauskommen. Ich nahm einen tiefen Schluck aus der Flasche, die ich in einer braunen Tüte hielt, und wärmte mich an dem flammenden Inferno, dass sie anschließend in meiner Kehle abspielte. Zwei Kinder gingen vorbei, etwa 11, und einer zeigte auf mich. “Aus solchen Flaschen trinkt Daddy auch immer.” Ich sah den Jungs erstaunt hinterher. Dann drehte ich die Flasche zu und stellte sie weg. Ich sah auf die Uhr. Halb 6. Meine Güte.

Er hatte fast eine viertel Stunde bei David geklingelt und gegen die Tür gehämmert. Doch niemand machte auf. Da ging Sean einen Schritt zurück und trat mit Wucht gegen das Holz. Er trat knapp unterhalb der Türklinge, um den Bolzen aus der Tür zu brechen. Und tatsächlich, nach dem dritten Tritt brach der, wie Sean bemerkte, doppelt abgeschlossene Bolzen aus seiner Halterung im Türrahmen und die Tür schwang auf. Sean sah ihn sofort. Er baumelte etwa anderthalb Meter über dem Boden an seiner Zimmerlampe. Er rührte sich nicht. So wie er roch war er sicher schon 2 Tage tot. Sean bekam einen Brechreiz, rannte ins Badezimmer und stand ein paar Minuten keuchend vor dem Spiegel. Und er konnte noch nicht einmal die Polizei holen.

Es wurde immer später. Ich sah öfter auf die Uhr, und ging dreimal in ein nahe gelegenes Café um mir verschiedenste exotische Kaffeesorten in Colabechern zum Mitnehmen holte. Dann setzte ich mich wieder auf die Bank und versuchte noch einmal, zu lesen.

Die Polizei hatte ihn tatsächlich zu dem Vorfall befragt. Sie hatten eines vormittags, an seinem freien Tag, an seine Tür geklopft, und er war ihnen in Shorts gegenüber getreten. Sie hatten Einlass erbeten, und er hatte sie in seinem Wohnzimmer angesiedelt und Kaffee aufgesetzt. Sie hatten ihm Routine-Fragen gestellt, und als sie zu dem komplizierten Fragen kamen blieb er einfach bei der Wahrheit. Nur das er das Ereignis herausnahm und die anderen Ereignisse des Abends etwa eine Stunde vorzog. Er sagte, zur gefragten Uhrzeit sei er sturzbetrunken von einem Freund nach Hause verfrachtet worden. Wie die Polizei später bei anderen Zeugen feststellte stimmte dies. Nur irrten sich beide jeweils um etwa eine halbe Stunde. Die Polizei bei der Tatzeit, und die Zeugen bei der Zeit seiner Heimkehr. Sie schlossen ihn als Verdächtigen aus, und er war aus dem Schneider. Aber er schaffte es irgendwie nicht, sich gut zu fühlen.

Die Sonne war untergegangen. Das heißt, sie war hinter der Skyline verschwunden, sicher schwebte sich noch ein paar Meter über dem Horizont und wärmte ein paar Loft-Besitzern den Rücken. Er blätterte um, doch es war schon zu dunkel, um noch richtig lesen zu können. Er hielt sich die Zeitung vor die Nase bis die Straßenlaterne neben ihm summend ansprang. Er las weiter.

Bald darauf gab es doch eine Schlagzeile. Man hatte den Simon Finnigan Mordfall gelöst. Offenbar schuldete Simon einem Arbeitskollegen Geld, und dieser hatte ihn abgepasst und erschossen. Die Waffe wurde im Fußraum seines Wagens gefunden, in einer Lache von Erbrochenem, dass von Sean war. Doch das brachte Sean nicht mit dem Mord in Verbindung, denn er hatte ja eine plausible Erklärung dafür, wieso. Und die ätzende Magensäure hatte sich um sämtliche Fingerabdrücke gekümmert. Wieder fiel es ihm schwer, erleichtert darüber zu sein.

Ich warf die Zeitung in den Mülleimer und stand auf. Es war acht. Ich machte mich schnellen Schritts auf den Weg nach Hause. Es ging nicht anders.

Die nächsten paar Wochen nahm sich Sean frei, lebte von Fernsehmahlzeiten und Alkohol. Doch er kam wieder auf die Beine, ging zur Arbeit, schlug sich durch. Doch die Alpträume verschwanden nicht. Simon mit einem Loch in der Brust, durch das ein Basketball bequem gepasst hätte, wie er ihm hinterher schlich und keine sonst ihn bemerkte, und anderen Kram. Seine Arbeitskollegen nannten ihn ‘Sleepy’ weil er immer Augenringe hatten. Doch er lebte. Und arbeitete. Er hatte es geschafft.

Ich wühlte mich durch meinen Kleiderschrank. Hier musste doch irgendwo… DA! Jetzt konnte es losgehen.

Er schaffte es sogar, sich eine Freundin zuzulegen. Sie hieß Annette und er hatte sie in einer Sushibar kennen gelernt. Sie hatte einen Zettel auf das Förderband, mit dem die Speisen an einem vorbeirauschten, gelegt. Er hatte ihn gelesen, und was dann so passiert, war passiert.

Ich sah auf sie herunter, während ich mir eine Jacke anzog. Sie schlief friedlich. Sie war so schön. Ich wollte ihr einen Abschiedskuss geben, doch ich brachte es nicht übers Herz. Vielleicht wachte sie auf und bat mich, nicht zu gehen. Also ging ich.

Es gongte. Der Mann an der Uhr sah sich um. Niemand. Verdammt. Er hatte halb neun gesagt, jetzt war es 5 nach halb. Er steckte sich noch eine Zigarette an. Mann, würde er den zur Sau machen.

Ich rannte im Vollsprint die Straße hinunter, und bog links in die Parkstraße. Ich sah den Mann von weitem und ging langsamer. Dabei sah ich mich um. Niemand im Park.

Da war er ja endlich. Ungeduldig trat der Mann von einem Bein aufs andere. Als Sean bei ihm angekommen war, fragte er ihn sofort “Wie viel haben sie dabei?” Sean lächelte.

Viel zu gierig. Ich hatte schon gewonnen. Und verloren gleichzeitig. “Ich habe eine Frage. Wenn sie mir die beantworten können, bekommen sie das Geld.” Der Mann rieb sich gierig die Hände. “Ja, ja. Mach schnell.” Ich räusperte mich. “Wie kommen sie darauf dass ich es nicht wieder tun würde?” Der Mann sah verdutzt drein, offensichtlich wusste er nicht, was Sean meinte. Daher sah er auch die Pistole zu spät. Es krachte zweimal als ob jemand zwei Backsteine gegeneinander schlug. Blut spritzte auf das Steinmosaik, und der Mann fiel zu Boden.

Es war wieder passiert. Ich hatte es wieder getan. Ich wusste, dass es einfach nicht anders gegangem wäre. Er wäre wieder gekommen, und hätte mehr verlangt. Wieder. Und wieder. Das konnte ich nicht zulassen. Ich ging gemäßigten Schrittes aus dem Park. Dann kam ich an die Straße, wartete das letzte Auto ab und ging gemächlich, leise eine fröhliche Melodie pfeifend, meiner Wege. Eine Träne kullerte meine Wangen hinunter, doch ich machte mir nicht die Mühe, sie wegzuwischen. Sie hätte auch von dem kühlen Abendwind verursacht worden sein können. Ich blieb kurz stehen, um mir eine Zigarette anzuzünden. Ich hatte seit etwa einem Jahr nicht mehr geraucht. Besser gesagt, ziemlich genau seit einem Jahr, doch es kam mir nicht ungewohnt vor. Die ganze Situation kam mir irgendwie bekannt vor. Doch ich ignorierte das Gefühl, ebenso wie das Ziehen in meinem Bauch. Als ich an der Bank, die mich die letzten paar Stunden beherbergt hatte, vorbeikam blieb mein Blick an etwas haften. Ich sah mich um. Dann ging ich in die Knie und hob die Flasche in der braunen Tüte auf. Ich öffnete sie, nahm einen tiefen Schluck, schraubte sie wieder zu, und steckte sie ein. Ich hatte das dumpfe Gefühl, dass ich sie heute Abend noch brauchen würde.

 

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