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Des Abends |
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Des Abends
(für alle, die das schon kennen
oder es nicht lesen wollen)
Es war von Anfang an aussichtslos gewesen, zu hoffen, dass all das nicht in einer Katastrophe enden würde. Eine kleine Katastrophe, zwar, aber immerhin. Als der junge Mann, den viele nur als ’Markus” kannten, die Klinik betrat zitterten seine Hände wie Espenlaub. 61 Minuten später stürzte ein Rollstuhl vom Dach des Krankenhauses. Der alte Mann, der darin gesessen hatte, war ein paar Sekunden vorher gefallen. Das war zwar jemandem aufgefallen, aber als die Polizei dann eintraf war es der Mutter des kleinen Mädchens mehr daran gelegen, das Krankenhaus schnellstmöglich zu verlassen, als ihre kleine Tochter den Polizisten für eine stundenlange Vernehmung mitzugeben. Daher wurde nie einwandfrei geklärt, warum der Alte, der offenbar Selbstmord begangen hatte, sich vom Dach gehievt hatte. Niemandem fiel auf, dass man von einem Rollstuhl aus nur äußerst selten eine Brechstange so einwandfrei benutzen kann, dass eine 92 Kilogramm schwere Stahltür, die zum Dach hinausführte, so einfach aufging wie ein Tupperdose. Niemand bemerkte die Tatsache, dass wenn sich ein Rollstuhlfahrer von einem mit einer 40 Zentimeter hohen Mauer umgebenen Dach wirft, der Rollstuhl selten hinterher fällt. Es gab viele Beleidsbekundungen, Kondolenzkarten, und kleine Abschiedsbriefe. Der Mann war streng anti-kirchlich gewesen, und wurde daher verascht und dann, da man es nicht besser wusste, vom Dach des Krankenhauses gestreut. Er hatte ohnehin die letzten 2 Jahre dort zugebracht, und hatte es mehr sein Zuhause genannt als je einen anderen Ort auf der Welt. Der alte Mann war 60 und stürzte am 28. September 2012 vom Dach des Krankenhauses. Am nächsten Tag blies der junge Mann in seine eigene Geburtstagströte. 6 Stunden später blies er wieder in ein Rohr. Das Rohr blies zurück und sprühte den Inhalt seines Kopfes weit gefächert in einen immensen Wasserfall eines nahe gelegenen Wasserkraftwerks. Der Körper blieb noch einen Moment stehen, dann sackte er in sich zusammen, wäre um ein Haar auf der Mauer liegen geblieben, und stürzte dann doch, die rechte Flanke voraus, in die reißenden Fluten.
Schwer atmend rannte er weiter. Er hörte immer noch aufgeregte Schreie aus dem Haus, und überall blinkte Blaulicht. Er sah eine günstige Seitenstraße, bog ein und warf sich in einem Busch neben einem Hauseingang. Dort lieb er regungslos liegen und wurde sich erst gewahr, wie gut es war, dass er schwarz trug, und kein Pink, wie eigentlich geplant. Er konnte über eine etwa 10 Zentimeter hohe Mauer, die den Vorgarten, in dem er lag, umgab, die Straße, auf der er gerade von der polizeilich zwangsweise beendeten Party geflohen war, überblicken, und versuchte, sein Kinn so angenehm wie möglich auf seine Handballen zu stützen. Schon ging ein Mann in forschem, ausladendem Schritt die Straße entlang und warf fast unmerklich Blicke nach links und rechts. Der Junge hielt sehr still. In diesem Moment landete eine Mücke, die ihr Glück anscheinend kaum fassen konnte, auf der rechten Wange des Jungen. Sie stach nicht sofort zu, und der Junge musste unwillkürlich an eine Mücke denken, die sich ein Lätzchen umband und Messer und Gabel bereitlegte. Dann spürte er den stechenden Schmerz, hielt aber still. Der Mann war schon wieder verschwunden, als der Junge stimmen hörte. Sie kamen nicht von der Straße, sondern aus dem Gässchen, in dem er lag. Es näherten sich zwei, vielleicht drei Personen, die aufgeregt flüsterten. Trotzdem hörte er jedes Wort, was er auf die Akustik der Fassaden der Häuser um ihn herum zurückführte. Sie tuschelten mehrer Minuten lang über ‘Bullen, nach Hause, meine Eltern bringen mich um, Oh nein, wenn die uns kriegen…’ und Ähnliches, bis er sie an sich vorbeischleichen sah. Es waren drei Jungen, die auch auf der Party gewesen waren, er konnte sich aber nicht an ihre Namen erinnern. Mit einem von ihnen hatte er eine empfindlich Fehde um ein Mädchen gehabt, und war sich in dem Moment nicht sicher, ob er sich freuen würde, wenn nicht mindestens dieser verhaftet würde. Er dachte darüber nach, sie zu rufen, entschied sich aber dagegen. Allein zu sein war im Moment sinnvoller. Als sie die Straße betraten ertönte plötzlich ein lautes “HALT!”, was genau das Gegenteil bewirkte. Die Jungen sahen angstvoll in die Richtung, in der der Mann eben verschwunden war, und woher anscheinend auch der Ruf gekommen war, dann flüchteten sie in die andere Richtung. In Richtung Party. An ihren hallenden Stampfern auf dem Asphalt, und dem abrupten Ausbleiben selbiger konnte der Junge erahnen, dass ihnen auch eben aufgefallen war, wohin sie eigentlich flohen. “Komm, komm, hier lang!” rief jemand, dann setzte das Stampfen wieder ein. Plötzlich ertönte ein Rauschen, ein Piepen, dann eine kurze Codeansage. “10-4, bitte melden.” Es kam von oberhalb der Straße. Eine männliche Stimme antwortete nach noch einem Piepen: “Schneide Fluchtweg Fröbelstraße ab. Verdächtige fliehen auf dem Ehlentruper Weg in Richtung Prießallee. Bestätigen und abfangen.” Eine kurze Pause, und der Junge drehte den Kopf, um ein wenig die Gasse hochzusehen. Er sah einen unglaublich riesigen Mann in Uniform, der im Schutze eines Rhododendrons in einer Einfahrt stand und die Gasse in Richtung Straße im Auge behielt. Eine hektische Stimme hämmerte aus seinem Funkgerät. “Verdächtige flüchten in Richtung Fröbelstraße. Abschneiden!” Schon hörte man wieder die hämmernden Schritte der Jungs auf der Flucht. Sie würden entweder dem Mann die Straße runter in die Arme laufen, oder die Gasse nehmen und dem Troll dort zum Opfer fallen. Sie waren gefangen, und wussten es noch nicht mal. Der erste, kleinste und gleichzeitig offenbar schnellste Junge, und auch der, mit dem er sich gestritten hatte, kam um die Ecke geschossen und goß jeden letzten Funken Energie in seine Beinmuskulatur. Das hatte einen ansehnlichen Effekt, denn er hatte trotz Kurve kaum an Geschwindigkeit verloren und sprintete auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig die Gasse hoch. Blöd nur, dass dort der Troll auf ihn wartete. Währenddessen sah der Junge die beiden anderen die Straße weiter entlang rennen. Zugegebenermaßen klärte der Troll die Sache äußerst human. Der junge sah sich nach Verfolgern um und bemerkte den Mann gar nicht, der einfach aus dem Schatten trat und mitten auf dem Bürgersteig stehen blieb. Der Junge rannte frontal vor seine Brust, und gab ein lautes “Uhh!” von sich und plumpste anschließend linkisch auf den Bürgersteig. Dort saß er dann auf seinem Hintern, Beine voraus, und starrte den Mann verdattert an. Dieser verlor keine Zeit, packte ihn an der Jackenschulter, riss ihn hoch und schleifte ihn hinter sich her. Zum größten Entsetzen des Jungen schleifte der Mann ihn in Richtung seines Verstecks. Und tatsächlich, als hätte das Pech nicht größer sein können, zwang er ihn ausgerechnet an der Mauer, die sein Versteck umgab, sich hinzuknien, die Stirn auf die Mauer zu legen und sich ruhig zu verhalten. Dann fesselte er ihm die Hände und funkte an die Einsatzleitung: “Eine VP festgesetzt.” Die Jungs hatten sich längst gegenseitig bemerkt. Mit panischen Augenbewegungen und leichtem Nicken in eine Richtung versuchte der eine, dem anderen klarzumachen, dass er in seine Hemdtasche greifen sollte. Dieser begriff, fast zu spät. Er griff hinein und fühlte dünne Plastikfolie. Er zog, als der Junge gerade hochgerissen wurde. Fast wäre ihm die Tüte mit den Pillen wieder aus der Hand gerutscht, denn die Tasche war tief und er hatte sein nur mit dem Fingerspitzen zu fassen bekommen, doch er drückte so fest, dass seine Fingergelenke einander fast zerdrückten. Er zog den Arm wieder zurück, kurz bevor der Mann ihn gesehen hätte. Er besah seine Beute. Es waren etwa 95 Tabletten in der DIN-A6-Tüte. Für jede eine Woche, hatte der Drogenberater in der Schule mal der ganzen Klasse verklickert. Für jede im Besitz befindliche Pille eine Woche Arrest. Der Junge im Busch war sich im klaren darüber, dass er dem anderen gerade die Zukunft gerettet hatte. Über eine Vergütung würde er später nachdenken. Das Funkgerät des großen Mannes knackte wieder, während er den Jungen abtastete. “Verdächtige Person festgesetzt. Äußerst aggressiv, erweiterte Pupillen. Bei den anderen VPs überprüfen und Maßnahmen treffen. Der Mann drückte zur Bestätigung zweimal auf den Ruf-Knopf, was in zwei Pieps-Lauten resultierte, und fasste den Jungen am hinteren Kragen der Jacke. “Na? Machst du mir Ärger, oder schaffen wir das auch ruhig?” Der Junge nickte eifrig und sperrte die Augen auf. Der Mann zückte seine Taschenlampe, hielt ihm das Auge zu, leuchtete hinein und verdeckte es abwechselnd mit dem anderen. Dann nickte er zufrieden. “Hock dich hin. So wie eben. Keine Mätzchen, klar?” Dann sprach er wieder in sein Funkgerät. “Pupillen von VP normal. Riecht aber nach Bier, eventuell Haschisch. Hey!” rief er den Jungen an. “Hast du was geraucht?” Dieser nickte. “Haschischkonsum bestätigt. Ich brauche einen Wagen, ein paar Drug-Wipes und einen Bläser.” “Verstanden, 10-4. Der Wagen holt die andere VP und 10-7 ab, dann ist er unterwegs.” Der Junge saß in der Hocke an ein Auto gelehnt und sah todtraurig aus. “Hab ich dich schon abgetastet?” fragte ihn der Mann. “Nur halb.” antwortete der Junge. “Hast du denn noch etwas dabei, was ich wissen sollte?” Schweigen. “Nun?” “Ich hab eine Tüte in meinem rechten Socken und ein Taschenmesser.” Der Mann versteifte sich. “Wo ist das Messer?” Der Junge wand sich. “WO?” “Es ist…naja…ich hab es in der Unterhose.” Der Mann sah ihn erstaunt an. “Und du dachtest, da sehen wir nicht nach?” Der Junge zuckte mit den Achseln. “Einen Versuch war es wert.” “Okay, hoch mit dir.” Er drehte ihn mit dem Rücken zu sich und öffnete eine Handschelle. Den anderen Arm bog er soweit es ging auf den Rücken. “Hol’s raus und wirf es auf den Bürgersteig. Langsam. Wenn du zu schnell bist breche ich die 3 Knochen mit einer Bewegung.” Der Junge tat, wie ihm geheißen, und holte ein winziges, noch nicht einmal originales Schweizer Taschenmesser aus seinem Schritt und warf es behutsam auf ein Klümpchen Unkraut einen Meter weiter. Der Mann legte ihm die Handschelle wieder an und griff in seinen Socken. Er holte eine kleine Tüte hervor, ähnlich der, die der Junge eben losgeworden war, nur etwas kleiner, und besah sie. Sie war etwa halb voll mit grünen Klümpchen. “Was zahlt man eigentlich heutzutage für so was?” “Für die Tüte hab ich 10 bezahlt. Als sie voll war.” fügte er schnell hinzu, als er sah, wie ungläubig der Mann guckte. “Mann, lasst ihr euch übern Tisch ziehen.” Er hielt ihm die Tüte vor die Nase, was sicher schmerzhaft für den Jungen war. “Wenn ich sie dir wiedergeben würde, was würdest du tun?” “Ich würde sie nicht nehmen.” Der Mann nickte und sah ihm tief in die Augen. “Okay.” sagte er. Er ging an die Mülltonne, lehnte sich über die Mauer um das Gartentor nicht öffnen zu müssen, und lehnte sich damit unbewusst 30 Zentimeter über einen Jungen, der ein dreiviertel Jahr Knast in den Händen hielt, und warf die Tüte in die Mülltonne. “Diese Tüte hat es nie gegeben. Setz dich. Zigarette?” Der Mann setzte sich auf die Mauer und holte eine Schachtel Zigaretten heraus. Er zündete sich eine an, und für einen Moment fürchtete der Junge, er könnte ihn durch den Schein der Flamme sehen. Doch er achtete gar nicht darauf. Der andere Junge setzte sich neben ihn, aber hielt einen respektvollen Abstand von etwa einem halben Meter. Er nahm die ihm angebotene Zigarette mit dem Mund und ließ sich Feuer geben. Dann paffte er ein paar Mal bis der Rauch ihm in die Augen stieg und er zwinkerte. Der Mann nahm sie ihm ab, aschte ab und steckte sie ihm wieder in den Mund. Einige Zeit später fuhr der Streifenwagen vor. Drinnen saß schon einer der Jungs und schwitzte wie ein Schwein. Die Beifahrertür ging auf, und eine kleine Frau mit drahtiger Figur und einem beeindruckenden blonden Pferdeschwanz stieg aus. Sie öffnete die hintere rechte Tür und zog einen Jungen unwirsch aus dem Wagen. “Bleib so stehen.” Der Junge lehnte sich ans Auto und grüßte den anderen mit einem Nicken. Er nickte zurück. Der massige Mann trat seine Zigarette aus und stand auf, der Junge tat es ihm gleich. Da stieß ihn der Mann vor die Brust, sodass er wieder auf die Mauer plumpste. “Hey! Ganz ruhig! Ich sage hier, wo’s lang geht, ist das klar?!” Der Junge schaute verwirrt drein, und der Mann zwinkerte und nickte in Richtung der Frau. “Los jetzt! Wird’s bald?” schrie er dann. Er zerrte den Jungen hoch und stieß ihn vor sich her, bis zum Auto, ging um es herum und nötigte ihn in die offene Tür. Dann schlug er sie fest zu. Die Frau hantierte gerade im Handschuhfach des Wagens herum und fand dann ein rundes Etui welches kleine weiße Papierstücke enthielt. Sie hatte einen ungefähren Durchmesser von 6 Zentimetern, und die Frau strich dem Jungen damit über die Stirn, auf der eine Schürfwunde prangte. Der Sinn und Zweck dieser so genannten Drug-Wipe-Tests ist, den Gehalt von halluzinogenen Stoffen im Schweiß festzustellen. Im gleichen Augenblick brach dem anderen Jungen in dem mit Absicht brüllend heißen Streifenwagen der Schweiß aus. Als sie dem Jungen über die Stirn gewischt hatte besah sie den Test kritisch unter einer Straßenlaterne. Der Junge im Busch hörte sie vor sich hin murren. “Mann, ey, ist das jetzt Blut oder was?” Sie knüllte ihn zusammen, steckte ihn in die Tasche und holte einen weiteren heraus. Sie wiederholte das ganze, seufzte, und zerknüllte ihn erneut. Ein Drug-Wipe-Test wird knallrot, wenn mit Schweiß in Berührung kommt, der Halluzinogene enthält. Nun war der Test zwar rot, aber das musste nicht notwendigerweise an Drogen liegen, wie die Schürfwunde vermuten ließ. Sie holte ein Taschentuch aus ihrer Hosentasche und fing an, seine Stirn um die Wunde herum abzutupfen. “Mh, das tut gut. Danke sehr.” Sie hörte abrupt auf. Dann stellte sie sich vor ihn und blähte sich zu ihrer vollen Größe auf. Sie reichte ihm maximal bis zum Kinn. “Hör mir mal gut zu. Wenn du noch einen Spruch, der mir nicht gefällt, in Gegenwart meiner Ohren hören läst, dann nehme ich dir deine Handschellen ab und gebe dir 3 Sekunden. Danach…” flüsterte sie und ging einen Schritt näher. “..vertrimme ich dich so derbe, dass du dir wünschen wirst, du hättest noch einen Spruch auf Lager, den man auch ohne Zähne bringen kann. Habe ich mich klar ausgedrückt?!” Ihre letzten Worte hatte sie gezischt und ihn dabei wahrscheinlich Absicht angespuckt. Er kniff ein Auge zusammen und drehte sich leicht weg. “Völlig.” erwiderte er sarkastisch. Plötzlich blitzten seine Augen auf. “Kevin, LAUF!” schrie er in Richtung Straße. Die Frau wirbelte herum und zückte ihre Lampe. Sie leuchtete kurz die Straße ab, als sie ein irres Lachen hinter sich hörte. Als sie sich umdrehte joggte der Junge geradezu provozierend langsam vom Auto weg die Gasse hoch. Dabei kicherte er wie ein Kind im Karussel, ihm schien das alles einen Heidenspaß zu machen. Die Frau blickte ihm einen Moment ungläubig hinterher, sah zu ihrem Kompagnon hinüber, der grinsend mit den Schultern zuckte, und joggte locker hinter her. Als sie bei ihm angekommen war ging sie einen Moment neben ihm und versuchte, ihm ins Gesicht zu sehen. Er hüpfte und hoppelte, als trüge er Fußfesseln, was er aber nicht tat, und tat so, als würde er sie ernsthaft Mühe bei der Flucht geben. Seufzend packte die Frau ihn am Kragen und zog ihn wieder in Richtung Auto, während er sich spielerisch sträubte und so tat, als wolle er wieder ausreißen. “Mit dem stimmt irgendwas nicht.” meinte sie kopfschüttelnd zu ihrem Partner. “Juhu!” sagte der Junge und hüpfte breit grinsend auf de Stelle, immer noch durch ihren festen Griff von einer Flucht abgehalten. “Mag sein. Na dann…Ab dafür.” Sie öffnete die andere hintere Tür und drückte den Jungen hinein. Dann schloss sie sie fest, vielleicht in der Hoffnung, er möge seinen Kopf hinausstrecken. Dann ging sie um das Auto herum und steig in den Beifahrersitz. Der Fahrer des Wagens hatte die ganze Zeit brav an Ort und Stelle gesessen und nichts getan außer starr geradeaus zu schauen. Er sah kaum älter aus als die Jungs, die gerade festgenommen worden waren. Auf einen durch das Glas für den Jungen imBusch lautlosen Befehl fuhr der Fahrer los und hinterließ zwei Zigarettenkippen, ein Taschenmesser, dass der Mann vergessen hatte, ein Tütchen Marihuana, und einen verkrampften Jungen mit 2 Jahren Knast in der Hand.
Am 22. August 2007 hörte niemand das Klirren im obersten Stockwerk des Gemeinschaftswohnblocks. Es war ein modernes Gebäude, eine architektonische und gleichzeitig ansehnliche Leistung. Es ist an sich U-förmig aufgebaut, man kann es also durch seine Öffnung von hinteren Teil betreten und befindet sich dann im überdachten Innenhof. Dort führt eine Metall-Wendeltreppe in die drei Stockwerke, die Wohnungen befinden sich zu beiden Seiten des Us. Alle Wohnungstüren öffnen sich in das U hinein, und eine Art Balkon führt an der Innenseite des kompletten Baus zu allen Wohnungstüren. Auf diesem Balkon ist es kein Leichtes, nicht gesehen zu werden, denn die Treppe quietscht und knarrt, und die Leute, die in diesem Gebäude angesiedelt worden sind zählen zu denen, die manchmal nachts vor Alpträumen aus Bürgerkriegen nicht schlafen, sondern die ganze Nacht Karten spielen oder sich die Zeit vertreiben. Die 5 Männer waren im Abstand von 10 Minuten die schmale Wendeltreppe hinaufgestiegen und hatten sich an unterschiedlichen Stellen im oberen Stockwerk platziert. Manche Türen boten einen Schatten, in dem man nicht gesehen wurde, und an anderen Stellen des Wegs gab es Fleckchen, die sich für solche Zwecke anboten. Als alle in Position waren kam der letzte die Treppe hoch und schlug ohne zu zögern mit einem Nothammer die kleine quadratische Scheibe ein, die in der oberen Hälfte der zweiten Tür eingelassen war. Dann griff er hindurch und suchte die Klinke. Er fand sie, doch die Scheibe war sehr weit oben, und er konnte sie nicht ganz runterdrücken, da sein Arm zu kurz war. Der ganze Plan drohte zu scheitern. Er nahm den Nothammer in die Hand und drückte mit ihm die Klinke. Dann schlich er hinein und schloss die Tür hinter sich. Seine Männer standen draußen. Kurze Zeit später vibrierte bei einem von ihnen die Hosentasche. Er wartete 2 Minuten, dann trat er schnell aus dem Schatten und ging lässig die linke Seite des Us entlang, pausierte an der Ecke zum Querbalken, um sich eine Zigarette anzustecken, beschritt den Balken, und bog in die rechte Seite des Us ein. Er klopfte, die Tür wurde geöffnet, und gedämpftes Licht fiel durch den Türspalt. Das inzwischen leere Quadrat in der Tür war verhangen. Kein Licht wäre verdächtig gewesen, zuviel Licht zu auffällig. Der erste Mann hatte das Licht im Flur des Hauses gedimmt und ließ nun den zweiten Mann ein. Er grüßte ihn mit Manni. Dann schloss er die Tür und schickte die zweite SMS los. 2 Minuten und 38 Sekunden später klopfte es leise, der erste Mann sah durch zwei winzige Löcher in der Zeitung, die vor dem Quadrat hing, und ließ dann den dritten Mann ein. 14 Minuten später standen sie dicht gedrängt in dem kleinen Flur der Wohnung und atmeten leise. Sie waren insgesamt nicht lauter gewesen als eine quietschende Matraze. Trotzdem waren sie bemerkt worden.
“Ey, Mogli’s Bude wird ausgeräumt.” sagte Serkan zu seinem Vater, seinem Bruder und den 2 Cousins, die zu Besuch waren. “Und? Was kümmert uns das?” murrte der Vater. Er hatte gerade 25 Euro in einer Runde Poker verloren und wollte das Geld wiederhaben. Die Söhne seiner Schwester spielten verdammt gut, und sein eigener Junge war schon ausgestiegen. Umut, sein anderer Sohn, sah fern. “Sollen wir nicht die Bullen holen?” fragte Serkan ungläubig. Sein Vater fluchte auf Türkisch und stand auf. Er ging zum Fenster, sah hinaus, und konnte nichts sehen da die Tür ja schon längst wieder zu und die Männer in der Wohnung waren. “Da ist doch gar nichts! Hör auf zu spinnen und setz dich wieder hin. Ich will mein Geld von diesen beiden kleinen Raten wiederhaben, und du wirst mir dabei helfen. Tamam?” Die letzte Hälfte hatte er ihm ins Ohr gesagt, dann lachte er schallend und begab sich wieder an den Tisch. Diesen kleinen Pennern würde er es austreiben, ihm einen Tageslohn abzunehmen. Er liebte sie wie seine eigenen Kinder, genau wie seine Schwester, aber er hatte kaum Geld, und seine Schwester war Anwältin. Sie konnten es ruhig verschmerzen, ihm sein Geld wieder zu geben und noch etwas mehr da zu lassen. Er hob seine Karten auf und dachte nach. Serkan setzte sich mürrisch zu ihnen und nahm Karten von Ismail entgegen. Er hätte den fünf Männern an sich auch keine Bedeutung beigemessen, wäre da nicht noch ein kleines Detail, dass sein Vater im Gegensatz zu ihm nicht kannte. Und dieses lautete, dass der junge Dealer, der von allen Mogli genannt wurde, am frühen Nachmittag verhaftet und abgeführt worden war. Und er war sich ganz sicher, das mindestens zwei der Einbrecher die Verhaftung durchgeführt hatten.
Sie standen zunächst etwas ratlos in dem Flur herum. “Und jetzt?” wisperte einer. “Sch!” wies ihn der kleinste der 5 zurecht. “Ich will wissen, ob jemand da ist.” In diesem Moment klirrte hinter der verschlossenen Wohnzimmertür etwas. Die Männer drehten sich erschreckt um. “Was war das?” Alle sahen den Kleinsten an. “Wurde er nicht heute morgen verhaftet?” Dieser nickte. “Ja. Manni und ich haben ihn in den Gerichtskeller gesteckt.” Eine drückende Stille trat ein. Schliesslich stellte jemand die unangenehme Frage. “Und wer war das dann grade?” Von einem Schwung Initiative gepackt stürmte Manni los und drückte die Tür ruckartig auf. Sie quietschte kein bisschen, und machte auch sonst keinen Laut. In sofern war es nicht verwunderlich, dass die Gestalt, die hektisch den Inhalt aller Schubladen der Kommode in einen mit Hanfblättern bedruckten Rucksack schaufelte die drei Männer, die sich gleichzeitig durch die Tür gequetscht hatten, nicht bemerkte. Einer von ihnen zückte eine lange Stabtaschenlampe, wie sie von der deutschen Streifenpolizei regulär getragen wird, ein anderer eine Walther P80. “Sofort stehen bleiben! Hände über den Kopf!” Die Gestalt drehte ihren Kopf ruckartig zu den Männern um, und erst jetzt fiel den meisten von ihnen auf, dass sie eine Ohrendiode trug, die sie alle blendete. Nur den kleinsten von ihnen nicht, der nicht von dem sehr punktgerichteten Strahl erfasst wurde. Er sah das Gesicht seines Gegenübers klar und deutlich. Und ihm blieb das Herz stehen. Denn es war sein Gesicht in das er sah.
“Stop oder ich schieße!” rief einer der Männer, vermutlich der mit der gezogenen Waffe. Doch die Gestalt dachte gar nicht daran. Sie warf etwas auf den Boden das aufblitzte und aus dem schnell Rauch entwich. “Gas!” schrie jemand. “Deckung!” “Halt die Fresse, das ist Rauch! Schieß!” “Nein! Wer erklärt hier ne Leiche?” Als sich das allgemeine Chaos und das meiste von dem Rauch gelöst hatten war die Gestalt weg. Einer der Männer hetzte zum Balkon und sah hinaus. Dann sah er ihn hinter einer Ecke hervorschießen und mit einer affenartigen Sprintgeschwindigkeit davonsausen. Schon war er hinter dem nächsten Gebäude verschwunden. Der Mann schlug auf die Balustrade des Balkons. “Mist!” Er ging wieder rein um einem der Männer zuzusehen, der die Schubladen durchsuchte. “Fast nichts mehr da. Vielleicht 20 Gramm Kokain, ein paar Tüten Pot. Kein Geld.” Einem von ihnen riss die Geduld. “Verdammt!” schrie er und riss die Deckenlampe heraus, er war schließlich stattliche 1,98. “Siggi, beruhig dich.” sagte der Mann namens Uwe in einem drohenden Tonfall. “Aber…” “Wir können es nicht ändern. Ziehen wir ab bevor unsere eigenen Leute uns einbuchten. Los jetzt. Schön langsam, wie beim Reinkommen. LOS!” befahl er. Langsam trabten sie in den Flur zurück. Einer nach dem anderen gingen sie in 3-Minuten-Abständen aus der Tür und verschiede Wege nach unten. Dann verschwanden sie in verschiedene Richtungen, wie geplant. Nur dass die Rucksäcke, die sie für das Geld und das Kokain mitgebracht hatten, leer waren. Das war nicht geplant gewesen.
Nachdem er sich in einem Affenzahn von der Regenrinne des Balkons gehangelt und aus dem 2. Stock abgesprungen war gab der Junge Vollgas. Er konnte nicht glauben, was er gerade gesehen hatte. War das wirklich sein Vater gewesen? Das konnte doch nicht sein. Was hatte sein Vater nachts um 2 in einer Sozialwohnung, in der ein Dealer hauste, zu suchen? Doch nicht etwa das gleiche wie er selbst? Ungläubig schüttelte er den Kopf, und wurde sich der Hitze um ihn herum gewahr. Er öffnete den Reißverschluss seiner Lederjacke, bereute es jedoch sogleich wieder, denn er hatte in der Aufregung vergessen, dass er, nachdem er die Rauchgranate geworfen hatte, sich noch Tütchen in die Jacke, die einen sehr kräftigen Bund besaß, geschaufelt hatte. Diese drohten jetzt heraus zu fallen, und er bemühte sich, gleichzeitig seine äußerst rasante Schrittgeschwindigkeit beizubehalten und trotzdem die Tütchen so unauffällig wie möglich wieder zurück in die Jacke zu stopfen. Letzten Endes gelang es ihm, und er ging weiter, schwitzte aber wie ein Leistungssportler. Er bog oft ab, machte plötzliche Kehrtwendungen, beeilte sich aber dennoch ungemein, zum vereinbarten Treffpunkt zu gelangen. Als er dort ankam stand dort ein leeres Auto. Er stieg ein, und sofort richtete sich der Junge, der geduckt auf der Fahrersitz gesessen hatte, auf, und startete den Motor. Er fuhr an und ließ die Getriebe krachen. Ohne ein Wort fuhr er, weit oberhalb der Höchstgeschwindigkeit, durch Bethels hügelige und gewundene Straßen und rauschte an der Habichtshöhe so schnell über die Kuppe des Teutos, dass die Räder kurz den Kontakt mit der Straße verloren und der Motor aufjaulte. Als sie wieder Straßenkontakt hatten röhrte er gequält, machte aber sonst seine Sache gut. Der Fahrer warf ihn an der Fröbelstraße aus dem Wagen. Inzwischen hatte sich sein Fahrgast die Klamotten ausgezogen und in eine Plastiktüte gestopft. Auch die Tütchen und das Geld hatte er ordnungsgemäß in einem zweiten Rucksack, der im Auto für ihn bereitgelegen hatte, gesammelt. Beides ließ er im Auto als er ausstieg und seinen Sprint ohne ein Wort der Verabschiedung in Richtung Raymondstraße fortsetzte. Er bog ein Haus zu früh ein, schlug sich durch den Hinterhof, und endete in der Laube des Hauses, in dem er dieses Wochenende wohnte. Das Haus seines Vaters. In der Nähe hörte er einen Motor jaulen. Jetzt wurde es interessant.
“Fahr doch, fahr!” schrie Uwe Manni an. “Tu ich doch! Wir bewegen uns doch, oder nicht?” “Bewegen ja. Fahren? Hm…” Manni kniff die Zähne zusammen und trat auf das schon bis zum Anschlag durchgedrückte Gaspedal. Er nahm die Kurve in die Hauptstraße mit Schwung und landete genau hinter der Straßenbahn, die sich gemächlich durch die Häuserschluchten schlich. “Oh man! Wieso fahren denn um diese Zeit noch Bahnen?” Manni sah auf die Uhr. “Ist die Letzte.” “Wie kann man nur so ein Pech haben?!” jaulte Uwe, eine Mischung aus Verzweiflung und Wut schwang in seiner Stimme mit. Er dachte angestrengt nach. Rechts vor ihnen öffnete sich die scheinbar nicht enden wollende Kette geparkter Autos. “Bürgersteig. Na los, auf den Bürgersteig!” rief Uwe plötzlich. Manni sah ihn ungläubig an, also griff er kurzerhand nach dem Lenkrad und riss es herum, das Auto fuhr über die abgesenkte Schwelle und rauschte auf die Hauswand zu. “Himmel!” Manni riss das Lenkrad wieder in seine Richtung, und das Auto sauste ein paar Zentimeter an der Hauswand vorbei. Dann rasten sie auf dem Bürgersteig weiter. “Mach so was nicht noch mal.” Bedächtig drehte Uwe den Kopf. “Du hast keine Ahnung, was auf dem Spiel steht, oder?” Allein sein Tonfall, ein Flüstern, in dem ein bedrohliches Brummen mitschwang, ließ Manni verstummen. Sie kamen an die Kreuzung, in die sie hätten einbiegen müssen, und Manni lenkte den Wagen vom Bürgersteig auf die Straße, und wollte weiter geradeaus die linke Einmündung nehmen, doch Uwe wies auf die Hauptstraße vor ihnen. “Fahr weiter.” Manni tat, wie ihm geheißen, ohne zu zögern. Als sie einige hundert Meter weiter gefahren waren öffnete Uwe die Tür. Manni trat auf die Bremse, doch Uwe war schon aus dem Wagen gesprungen und hatte sich auf dem Bürgersteig abgerollt. Nun rannte er quer über die Straße und in eine Unterführung, die ihn direkt vor sein Haus brachte. Er hörte noch, wie Manni den Motor aufjaulen ließ und weiterfuhr. Dann rannte er weiter. Gleich würde er es wissen. Gleich.
Nach mehrmaligem Tasten fand er den feinen Polyesterfaden, den er in einen Busch hatte baumeln lassen. Er zog kräftig, und das Seil, dass daran befestigt war, kam hernieder gesaust, und fiel ihm vor die Füße. Er hatte kaum den Boden der Keller-Garageneinfahrt berührt als er es schon halb erklommen hatte. Er stütze sich auf die Balkonmauer auf und zog seine Beine nach. Dann zog er das Seil, so schnell er konnte, wieder hoch. Ein paar Sekunden noch. Nur noch ein kleines bisschen.
Die Regenrinne war mit Stahlringen in einer Kante des Hauses angebracht und eignete sich vorzüglich zum Klettern, besonders, wenn man klein war und zu 80 Prozent aus Muskeln bestand. 9 Sekunden hatte er für den Aufstieg gebraucht. Er sprang auf den Balkon, drückte die angelehnte Tür auf und trat so leise es ging ein. Seine Frau schnarchte friedlich. Er hatte ihr ein paar Schlaftabletten in den Grog getan, und sie schlummerte seelenruhig. Er warf seine Klamotten im Eiltempo auf den Boden und suchte ein Nachthemd. Bald schon würde er es wissen.
Hastig warf er sich alle Kleider vom Leib, grob geordnet auf den Bürostuhl, so wie sonst. Er trug jetzt nur noch Boxershorts. So wie sonst. Sonst alles klar? Er sah sich um. Nichts hatte sich verändert. Gut. Er trat an seine Zimmertür und atmete tief durch.
Da! Ein Nachthemd. Zwar von seiner Frau, aber das musste reichen. Er warf es sich über ohne zu bemerken, dass es auf links gedreht war, und ging zur Schlafzimmertür. Er packte die Klinke und schloss die Augen.
Beide Türen gingen simultan auf. Als die beiden Männer auf den Flur hinaustraten sahen sie beide so überrascht aus, dass sie es fast ernst gemeint haben könnten. “Oh. Hey. Noch wach?” fragte der Junge. “Äh..ja, sieht so aus. Musste noch mal raus.” Eine gefährliche Pause entstand. “Du weißt schon…” Er deutete auf die Toilettentür. “Ach so.” erwiderte der Junge, und zwinkerte, als teilten sie ein Geheimnis. “Na dann, nach dir.” erwiderte er, als niemand etwas sagte “Danke.” sagte Uwe, und trat zögerlich aus dem Schlafzimmer. Er ging auf das Badezimmer zu, griff nach der Tür, und zögerte. Der Junge war schon fast wieder in seinem Zimmer verschwunden. “Daniel?” fragte er. Der Junge drehte sich um. “Ja?” “Ich hab dich lieb, weißt du?” “Ich dich auch, Paps. Schlaf gut.” Dann schloss er die Tür. Als die Tür sich geschlossen hatte drückte er seinen Rücken dagegen und rutschte daran herunter. Dann legte er den Kopf in die Hände und ließ den Tränen, die ihm seit dem Ende der Autofahrt so in den Augen gebrannt hatten, freien Lauf. Währenddessen betrat Uwe das bad und setzte sich auf die geschlossene Toilette. Dann starrte er auf die Wand gegenüber von sich. Es war die Wand zwischen dem Bad und dem Zimmer seines Sohnes. Und langsam, ganz langsam, rollte auch ihm eine Träne die Wange hinunter und tropfte auf den Teppich. Und so, als wenn es der Bruch eines Damms gewesen wäre, kamen sie, wie ganz von selbst. Zum ersten Mal seit 15 Jahren schüttelten Weinkrämpfe den starken kleinen Mann. Nur eine Wand trennte sie. Doch obwohl sie einander in diesem Moment so nah waren, es trennte sie kein Meter, hatte sich keiner von ihnen in seinem Leben so allein gefühlt.
“Wo sind meine Pillen, du Wichser?” Wieder knallte der kleine Junge die Stirn seines Opfers gegen das Schließfach. “Au! Keine Ahnung!” antwortete dieser, dem das ganze offenbar einen Heidenspaß machte. Das sorgte jedoch nur dafür, dass sich der kleine nur noch mehr aufregte. Er hielt ihn jetzt seit einer Viertelstunde an den Haaren fest und drosch seinen Kopf gegen die Schließfachtür, ohne dass sich etwas tat. Gleich war seine Pause vorbei, und er wusste immer noch nicht mehr. “Hör mal, ich bewundere dein Durchhaltevermögen. Aber ich brauche die Pillen. Und deshalb sagtst…du…mir…jetzt…wo…die…Scheiß…dinger…SIND!” Bei jedem Wort schlug er den Kopf seines Gegners gegen die Schließfachtür, die schon eine tiefe Beule hatte. In dem Blut an der Tür sammelten sich Haare. “Kein Plan, man. Das müsstest sogar du verstehen.” “RAAAARGH!” Er schlug noch einmal kräftig zu, dann ließ er die Haare los. Der Junge richtete sich auf. “Ich krieg dich noch, Daniel, das weißt du. Und ich hol mir mein Geld.” “Du solltest mir dankbar sein. Hätten die Bullen sie bei dir gefunden, wärst du jetzt nicht hier. Sie zu behalten ist ja wohl das Mindeste!” Der Andere hatte sich schon etliche Schritte von ihm entfernt. Bei diesen Worten drehte er sich um. “300 Euro. Morgen.” Er trat auf ihn zu. “Oder du bist nicht mehr hier.” Er sah ihm noch tief in die Augen, dann drehte er sich um und ging. Daniel lachte. “300 Euro? Du hast 300 dafür bezahlt?” Der Andere blieb stehen. “Hör mal, Mogli, die Dinger schmecken scheiße und bringen dich auch nicht richtig drauf.” Wieder drehte sich der Junge, der Mogli genannt worden war, um. Daniel redete weiter. “Ich mein, ich musste fast 15 Stück fressen, bevor mir was gekitzelt hat. Komm schon.” Er machte eine wegwerfende Handbewegung. Inzwischen war Mogli rot angelaufen. “Du!” Er ging mit ausladenden Schritten auf ihn zu, das Gesicht zu einer Fratze verzogen, die Hände wie Krallen vor sich ausgestreckt. Daniel wollte gerade etwas sagen als ihn die erste Faust traf. Da Mogli um einiges kleiner war als er selbst brach er ihm fast den Kiefer aus den Gelenken. Doch es folgte kein zweiter Schlag. Der Schlag hatte Daniels Gesicht zur Decke gedreht, und er brauchte einen Moment, und einige Nackenwirbel knackten als er es wieder nach unten brachte. Blut lief aus seinem Mundwinkel. Aber er lächelte. Dann spukte er etwas mitten in Moglis Gesicht. Es klatschte ihm auf die Wange, klebte einen Moment dort, und fiel dann zu Boden, wo es weiterblutete. Es war ein Stück Zunge. “Wie ich eben sagen wollte, ein paar hab ich mir aufgehoben. Für eine besondere Gelegenheit.” Der Faustschlag kam so unerwartet dass er Mogli von den Füßen hob. Er traf ihn frontal auf die Stirn und warf ihn einen Meter zurück, doch Mogli fand sein Gleichgewicht schnell wieder. Als er aufsah schüttelte Daniel seine demolierte Faust. “Wow. Das nenn ich einen Dickschädel.” In einer Sekunde hatte Mogli die Distanz zwischen ihnen bewältigt und hing, einen Arm um seinen Hals geschlungen, an ihm herunter, die Beine gute 30 Zentimeter über dem Boden, und schlug ihm mit ins Gesicht, wenn er es traf. Gleichzeitig regnete es Tritte und Schläge auf seine verwundbare Magengegend, und nach ein etwa einer Minute ließen die beiden voneinander ab. Mogli ging ein paar Schritte zurück, wo sich seine Leute versammelt hatten und ihn in Empfang nahmen. Er hielt sich am Jackengeländer an der Wand fest und würgte etwas Blut auf den Boden. Dann wischte er sich den Mund und ging wieder auf Daniel zu. Dieser lehnte lässig gegen den Schrank, gegen den eben noch sein Kopf gedroschen worden war, und hielt sich ein Taschentuch unter die Nase. Als ihn jemand antippte, um ihn auf Mogli aufmerksam zu machen, nahm er es vor seinem Gesicht weg, so dass man seine Augen sehen konnte. Sofort jagte es Mogli einen Schauer über den Rücken. Seine Augen waren, abgesehen von einem leichten weißlichen Rand, gänzlich schwarz, und zitterten unentwegt von links nach rechts, wie eine Schreibmaschine auf, naja, auf Extasy halt. Seine Hände hielt er in Fäusten, und ein irres Lächeln lag auf seinem Mund, und die weit aufgerissenen pechschwarzen Augen halfen auch nicht sehr, den Eindruck verfliegen zu lassen, sie hätten es hier mit einem Wahnsinnigen zu tun. Sehr langsam drehte Mogli sich um und ging. Überrascht rief Daniel ihm hinterher. “Hey! Wie jetzt? Schon genug? Ich kann das noch stundenlang!” Dann brach er in irres Gelächter aus. Er lachte etwa 8 Sekunden, dann hörte er so abrupt auf, dass jeder Zuhörer sich des Eindrucks nicht erwehren konnte, einem Mord gelauscht zu haben. “Ok, gehen wir.” Er ging, gefolgt von einer Meute Jungs, die ihn lieber mochten als Mogli, oder sich einfach erhofften, einem neuen Dealer den Aufstieg zu ermöglichen, damit sie nicht mehr bei Mogli einkaufen mussten. Daniel rutschte noch einmal auf dem Blut aus, in dem seine Zunge herumlag, und lachte lauthals. Dann ging er wirklich.
Auf dem Dach des Hauses der Raymondstraße 3 lag ein Mann. Er hielt einen Feldstecher in der Hand, und dankte Gott in diesem Moment für den hellen Mond. Das Schlafzimmer der Eltern war, seit der Vater über die Regenrinne eingestiegen war, nicht vom Schein der Flurlampe erhellt worden, also war Daniels Vater noch im Flur. Er konnte zwar sein Zimmer von dem Punkt, wo er lag, nicht sehen, aber dem ließ sich ja abhelfen. Er robbte auf dem Dachgiebel bis zum Ende des Dachs. Dort konnte er sehen, dass gleichsam das Badezimmer und Daniels Zimmer einen Lichtfleck auf den anderen Balkon warfen. Da! Eine Regung am anderen Balkon. Er robbte so schnell er konnte zurück, und nahm dabei noch nicht einmal den Feldstecher von den Augen, sodass er einmal fast hinuntergefallen wäre. Außerdem war ihm schlecht, die herumirrende Sicht beim Robben machte ihn krank. Schon wieder! Er konnte gerade noch einen winzigen Lichtspalt verfolgen, der immer dünner wurde, als der Vater die Schlafzimmertür schloss. Zur Überraschung des heimlichen Beobachters kam er plötzlich auf den Balkon. Ohne Feldstecher konnte er sehen, dass es ihm dreckig ging. Er krümmte sich vor Weinkrämpfen, und schlug wie kraftlos wahllos gegen die Wand oder die Balustrade des Balkons. Irgendwann, nachdem sich das mitleiderregende Schauspiel ein paar Minuten zugetragen hatte, kollabierte er in eine Ecke des Balkons und umklammerte seine eigenen Beine. Dort wippte er vor und zurück und, wie mit dem Feldstecher zu erkennen war, brabbelte er vor sich hin. Der Beobachter seufzte. Er hatte das eigentlich nicht tun wollten, aber die Neugier ließ das nicht zu. Er holte ein winziges Gerät heraus, sorgsam darauf bedacht, dass die kleinen LEDs nicht vom Balkon aus zu sehen waren. Dann steckte er einen kleinen Kopfhörer, der ihm von der Schulter baumelte, in sein Ohr zurück, und drückte einen der Knöpfe. Ein ohrenbetäubendes Schnarchen erklang. “Au!” flüsterte er erschreckt. Doch nicht leise genug. Trotz Verzweiflung verließen Uwe doch seine Berufsinstinkte nicht, und er wusste, wann er beobachtet wurde. Er sah auf und suchte die umliegenden Fenster und Hausdächer nach spiegelnden Linsen oder Augen ab. “Fuck fuck fuck fuck FUCK!” murmelte der Beobachter, während er sich am Giebel des Daches festhielt und sich an der entgegen gesetzten Hausseite herunterließ. Er lag flach auf dem Bauch, 8 Meter über dem Boden, und verließ sich nur auf seine behandschuhten Fingerspitzen. Als Ex-Soldat wusste er, dass man niemals sein Leben seinem eigenen Körper anvertrauen durfte. Nicht nur. Er hörte, wie ein Gewehr durchgeladen wurde. Er seufzte nochmals, und ließ los. Kein Zweifel hätte er mit einem Zielfernrohr seine Finge sofort bemerkt und sich ihm einzeln abgeschossen. Die Fangleine griff, nachdem er etwa 2 Meter gerutscht war. Er stoppte abrupt und machte sich sofort daran, sich einen sicheren Halt zu verschaffen, um die Fangleine zu lösen. Er fand eine lose Dachpfanne, löste sie und warf sie in den nächsten Busch, traf dabei versehentlich jedoch die Katze der Nachbarn, auf deren Haus er hockte. Dann trat er sich auf dem Dachbalken, den er freigelegt hatte, fest, und kappte die Leine, die mit einer Schlaufe um den Schornstein gelegt war. Er zog am anderen Ende, und sie flitze mit dem lauten für Stahldraht üblichen Sirren durch die Luft. Plötzlich ertönte ein “Na warte!” im Kopf des Beobachters. Ah. Endlich. Uwe hatte sich in Reichweite des Wanze bewegt, sodass man nicht nur das Schnarchen seiner Frau hören konnte. “…wenn ich dich kriege. Dich mach ich so zu…” Er stellte den Apparat ab und stopfte sich den Kopfhörer in die Jacke. Er musste jetzt beide Ohren offen haben. Er schätzte die Höhe vom Boden, und rechnete sich aus, dass er den Sturz nicht unverletzt überstehen würde. Er seufzte zum dritten Mal an diesem Abend, und hoffte, dass das nicht zur Gewohnheit werden würde. Dann ließ er los. Er rutschte ein ganzes Stück, bis er an der Regenrinne ankam, und stoppte dort, indem er seine Hacke so vor sich streckte, dass sie in der Regenrinne hängen blieb. Nun hangelte er sich über die Regenrinne hinaus, hielt sich daran fest, und baumelte gute 5 Meter über dem Boden, der aus einem gefliesten Weg bestand, nicht etwa aus Rasen oder, wie auf der anderen Seite, einem gemütlichen Komposthaufen. Er biss die Zähne zusammen und fing an, zu fluchen. Er versuchte, wenn er in brenzlige Situationen geriet, so viele Schimpfworte wie nur irgend möglich zu erfinden und in so wenig Zeit wie möglich unterzubringen. Das gab ihm eine Art Verbissenheit, die ihm auf dem Schlachtfeld oft geholfen hatte. Leise fluchend ließ er mit einer Hand los und griff nach dem Blitzableiter. Er hing an 4 Fingern. Und diesmal hatte er keine Fangleine.
Irgendwie erreichte er den Blitzableiter, dann die Fensterbank, und schließlich den Boden. Ohne eine Pause fing er an zu rennen. Den Berg hoch, hoch hoch, ohne zu schauen über die Straße und hinein in den Wald. Durchs Dickicht, an dem Baum vorbei, über den Stumpf dort. Hätte ihm jemand zugesehen, hätte ihn wahrscheinlich das Maß an Lärm, dass er machte, irritiert, nämlich fast gar keinen. Trotz des verhältnismäßig dichten Laubwerks und Unterholzes machte er kaum ein Geräusch, als er wie ein Schatten durch die Bäume schoss. Dann warf er sich in einem Graben und warf eine Art loses Tarnnetz, dass dort für ihn bereitlag, über sich. Ohne sich zu entkleiden, die Ausrüstung abzulegen, oder sich zu vergewissern, dass er nicht verfolgt wurde, schlief er ein.
WEITER GEHT'S
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